Das Spiegelobjektiv 5,6/1000 von Zeiss Jena

Eine exotische Optik im Astroeinsatz

Rainer Mannoff

VdS-Nachrichten 1/2001

 

"Verkaufe Objektiv 5,6/1000 von Zeiss". Als ich diese Anzeige las, war ich erst einmal völlig verdutzt. Ein Siebenzöller von Zeiss? Davon hatte ich noch nichts gehört. Die Beschreibung "Anschluß für Pentacon Six" bestärkte mich dann in der Vermutung, daß es sich um einen Refraktor handeln müsse; kannte ich doch nur wenige Spiegeloptiken, die für Mittelformataufnahmen geeignet sind. Ein Anruf beim Inserenten, einem Freund alter Fotoapparate und Objektive, verwirrte mich dann vollends: demnach wäre das Objektiv sehr kompakt und mit einem Spiegel versehen. Ein Zeiss Meniscas? Nein, dafür stimmt das Öffnungsverhältnis nicht. Ich mußte es einfach einmal anschauen... nur anschauen! Einen Tag später habe ich es gekauft.

Nachforschungen

Das Objektiv wurde bei Carl Zeiss Jena in der ehemaligen DDR gebaut, wie ich der Gravur auf der Korrekturplatte entnehmen konnte. Der Deutsch- Schweizer Fotograf Max Galli, in dessen Auftrag es verkauft wurde, konnte mir leider nicht viele Angaben machen. Er hatte das Gerät in den 80er Jahren erworben und nutzte es seither für terrestrische Fotografie. Einige seiner bekanntesten Bilder entstanden mit dem 5,6/1000. Eine Anfrage bei Zeiss in Jena führte zu wichtigen Informationen. Herr Dr. Wimmer vom dortigen Archiv sandte mir alle Unterlagen zu, die er zur Optik finden konnte. Demnach wurde das Objektiv unter den Namen "Prakticar 5,6/1000" und "Zeiss Spiegelobjektiv 5,6/1000" seit Anfang der 60ger Jahre in Jena hergestellt. Bei Zeiss in Oberkochen gab es kurz darauf ein (was die optischen Werte betrifft) identisches Gerät: das "Mirotar 5,6/1000", welches noch heute auf Bestellung hergestellt wird.

Aber um was für ein optisches System handelt es sich? Ein Freund aus München gab mir den entscheidenden Tipp, einmal im Buch "Astrooptik" von Uwe Laux nachzulesen [1]. "Was dort nicht drin steht, das gäbe es nicht" meinte er – und tatsächlich, das optische System ist im Buch beschrieben. Es handelt sich somit um ein kombiniertes Spiegel-Linsen-System nach Richter und Slevogt. Es besteht aus einem zweilinsigen Korrektor, Haupt- und Gegenspiegel sowie einem zweilinsigen Feldkorrektor am Kameraanschluß. Die Flächen sind ausschließlich sphärisch. Richter-Slevogt-Systeme können auch aus asphärische Flächen oder Kombinationen von Schmidtplatten und asphärischen Flächen aufgebaut sein, was die Bildqualität weiter verbessert. Der Name 'Richter-Slevogt-Kamera' mag exotisch klingen; aber ein ähnliches System, die Slevogt-Kamera, ist unter dem Namen Flatfield-Kamera weit verbreitet.

Ergänzt wird die Optik durch einen eingebauten Filterrevolver mit Graufilter (halbe Blendstufe), vier Farbfiltern sowie einem UV-Sperrfilter, der standardmäßig verwendet wird und den optischen Glasweg der Filter ausgleicht.

Einsatz

Ich hatte bisher weder astronomische Aufnahmen mit dieser Optik gesehen, noch waren mir Erfahrungsberichte bekannt. So machte ich mich an erste Tests. Die Montage auf meine Vixen GP-DX-Montierung war relativ problemlos. Obwohl mit Montageplatte und Meade ETX-Leitoptik rund 17 Kilogramm auf der DX lasten, war ich zuversichtlich, mit dieser Kombination gute fotografische Ergebnisse erzielen zu können. Immerhin trug die Montierung vorher einen Zehnzoll-Newton, der es auf 20 Kilogramm brachte.

Die ersten Ergebnisse waren jedoch niederschmetternd. Fast alle Aufnahemn waren defokussiert. Mein erster Verdacht fiel auf die eventuell dejustierte Mattscheibe meiner Kiev-60-Kamera. Ich wechselte zur Messerschneide-Methode, aber auch hierbei waren die Bilder zum größten Teil verschwommen. Schließlich fand ich den "Übeltäter". Die Fokussierung des Zeiss erfolgt mit einem Balgenauszug, welcher über einen Drehknopf mit Entfernungsskala (die über "Unendlich" hinausgeht) bewegt wird. Obwohl die Bewegung schwergängig ist, reicht das Gewicht der Kamera bei Himmelsaufnahmen aus, um Balgenauszug und Knopf geringfügig zu bewegen und somit den feinen Schärfepunkt zu verlieren. Abhilfe schaffte schließlich eine kleine Schraube, mit der ich den Drehknopf dauerhaft fixierte. Trotz Aufnahmetemperaturen zwischen –10 und +20 Grad blieb der Fokus seither stabil.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für mich war die Ausleuchtung des Bildfeldes und die Abbildungsqualität zum Bildrand hin. Ich hatte bereits Erfahrungen mit der Vignettierung bei Schmidt-Cassegrain-Systemen und der Komabildung bei Newtons im Kleinbildbereich gemacht. Hier zeigte sich aber bereits bei den ersten (noch defokussierten) Aufnahmen, daß das 5,6/1000 ein guter Mittelformat-Astrograph ist. Es lassen sich keinerlei Abbildungsverzerrungen in den Bildecken erkennen. Die Randabschattung empfinde ich als zufriedenstellend, gut 45x45mm des Bildes lassen sich ohne Einschränkungen verwenden.

Ausblick

Mein erstes Jahr mit dem Spiegelobjektiv geht zu Ende. Einmal abgesehen von den "defokussierten Wochen" hat es mir viel Freude bereitet – und es gibt noch viel zu fotografieren. Kürzlich habe ich mir einen Zweifach-Konverter gekauft. Das ergibt dann zwei Meter Brennweite bei f/11... und das bei noch immer 17 Kilogramm auf der DX. Entweder ist es das Tor zu neuen fotografischen Objekten oder ich biete demnächst einen Konverter zum Verkauf an. Schau‘mer mal...

 

Literatur

[1] Uwe Laux, Astrooptik, Verlag Sterne und Weltraum 1999