Winterwanderung

Rainer Mannoff

Magazin Star Observer   12/99

 

Es war genau der Anblick, den ich mir 600 Autobahnkilometer lang vorgestellt hatte: eine verschneite Landschaft, tiefblauer Himmel und mittendrin die Emberger Alm im warmen Licht der Nachmittagssonne. Eine Postkarte hätte es nicht besser rüber bringen können.

Die Alm ist ein Paradies für Gebirgswanderer und Sternfreunde zugleich, wobei ich mich bei meinem Sommerbesuch fast ausschließlich auf erstes hatte beschränken müssen. Das Wetter hatte nicht mitgespielt und mir wurden wolkenverhangene Nachthimmel beschert. Auch dieses Mal wollte ich auf Wanderschaft gehen. Im Winter? Die Alm liegt auf 1.800 Meter; die Wege in der umliegenden Kreuzeckgruppe gehen bis auf 2.700 Meter hinauf. Nicht nur Bergexperten wissen, daß diese Wege im Winter tief verschneit, oft gar nicht zu erkennen und vor allem sehr gefährlich sein können. Das wollte ich mir natürlich nicht antun. Zur Wanderung wie ich sie vorhatte, gehörten keine Wander- sondern Thermostiefel, keine kühlen Getränke sondern heißer Tee, und vor allem keine Wanderwege sondern: der Sternhimmel.

Zu meinem Erstaunen war gerade kein anderer Astronom auf der Alm. "Die kommen alle erst am Sonntag zum Neumond", meinte Angelika, die hier oben zusammen mit ihrem Mann Thomas ein Mekka für Astronomen geschaffen hat. Ich hatte somit die Beobachtungshütte für mich allein. Auch wenn ich den dortigen Zwölfzöller nicht nutzen wollte, so bietet die Hütte doch einen sehr guten Windschutz; dieser war für meine etwas waghalsige Kombination einer Vixen-DX-Montierung mit einem über 16 Kilogramm schweren 10-Zoll-Newton unbedingt erforderlich.

Am Ende der Dämmerung waren auch die letzten Quellwolken verschwunden. Mit Sternkarten, Mütze, Handschuhen und einer Kanne Tee im Rucksack machte ich mich auf den kurzen Weg zur Astrohütte, wo ich noch am späten Nachmittag meine Ausrüstung aufgebaut hatte. Meine Augen klebten förmlich am Südhimmel (was das Stapfen durch den Schnee nicht gerade einfacher machte). Orion, Einhorn, die Wintermilchstraße - ein Traum.

Erstes Wegziel meiner Wanderung waren die Plejaden im Sternbild Stier, in etwa 400 Lichtjahren Entfernung zur Astrohütte. Nach einem kurzen Ausblick tauschte ich das Okular gegen die Kamera aus, fokussierte, suchte mir im Fadenkreuzokular des ETX einen Leitstern und machte zwei Aufnahmen. Wanderer fotografieren nun einmal gern. Um die herrlichen Reflexionsnebel bei den Hellsten der Plejadensterne bestmöglich zur Geltung zu bringen, wählte ich als Film den für seine Blauempfindlichkeit bekannten Fuji Superia 800. Meine nächsten Ziele waren allsamt Emissionsgebiete; somit war für die Filmwahl eine hohe Rotempfindlichkeit gefragt. Meine einzige Antwort hierauf ist der Kodak Multispeed PJM.

Nach dem Filmwechsel ging es zum nächsten Highligth: bis zum Californianebel im Sternbild Perseus sind es nur 15 Minuten nach Osten, jedoch mit einem steilem Aufstieg von 12 Grad. Vor Ort dann aber gähnende Leere im Okular. Hier bei Xi Persei hätte er doch sein sollen, der riesige Emissionsnebel, dessen Silhouette an den US-amerikanischen Bundesstaat Kalifornien erinnert. Erst mit H-Beta-Filter wurden dann leichte Nebelstrukturen erkennbar. Sicherlich kein Vergleich zu dem, was mich nach der nächsten Etappe im Orion erwarten würde, aber für ein Foto lohnte das Motiv allemal. Also Okular gegen Kamera getauscht... und zwei Aufnahmen gemacht.

Bis zum großen Orionnebel war es das längste Wegstück der Tour. 1 1/2 Stunden ging es nach Osten, allerdings bei ständigem Gefälle. Vorbei am Aldebaran, den Hyaden... und da war er! Der Ausblick war einfach grandios, selten waren die Bedingungen so gut wie in dieser Nacht. Das 27mm-Panoptik-Okular, mit dem ich die ganze Region einschließlich des Reflexionsnebels NGC 1977 einsehen konnte, zeigte ein herrliches Panorama. Visuell gesehen sicherlich der Höhepunkt meiner heutigen Wanderung. Fast vergaß ich dabei, daß ich noch ein Stück Wegstrecke vor mir hatte; also Okular heraus und "same procedure as every hour".

Müssen bei einer Bergwanderung durch Unwegsamkeiten oftmals große Umwege gelaufen werden, so kann bei der astronomischen Wanderung jedes Ziel auf dem direkten Weg angesteuert werden, vorausgesetzt, kein Berg versperrt die den visuellen Zugang. Das ist, was den Südhimmel angeht, hier oben sicherlich nicht der Fall: freie Begehbarkeit bis weit unterhalb des Sirius.

Es war ein kurzer, aber steiler Aufstieg zu den Gürtelsternen des Orion. Bei Zeta Orionis warteten die nächsten Attraktionen auf mich: NGC 2024 und der berühmte Pferdekopfnebel. Letzterer besteht lediglich aus dunklem Staub. Läge nicht das Emissionsgebiet IC 434 direkt hinter ihm, niemand würde ihm Beachtung schenken. Durch diese günstige Kombination aber ist er zu einem beliebten Ziel nächtlicher Ausflüge geworden; zumindest fotografisch, denn visuell erfordert es neben H-Beta-Filter sehr gute Bedingungen, um ihn überhaupt ausmachen zu können. Nach geraumer Zeit erkannte ich seine schwache Silhouette. Ich verweilte ein wenig bei einem Schluck Tee, machte meine obligatorischen Erinnerungsfotos und zog weiter zum letzten Wegziel dieser Nacht, dem Rosettennebel im Sternbild Einhorn.

Ein längeres Wegstück nach Osten bei leichter Steigung und ich war dort. Ich sah jedoch nur NGC 2244, den Sternhaufen im Zentrum des Nebels. Die Augen waren zu müde, bereits acht Aufnahmen hatte ich bis hierher im Fadenkreuzokular meines Leitrohres nachgeführt; zwei weitere wurden es in den Folgeminuten. Hier beim Rosettennebel, in etwa 3000 Lichtjahren Entfernung zur Astrohütte, war ich am Ende meiner Wanderung angelangt.

Es war an der Zeit, einer alten Wanderertradition zu folgen: dem Einkehren! Ob noch jemand im Lokal war? Ich schloß das Hüttendach, schnappte meinen Rucksack und stapfte zurück. Thomas war noch da! Es war mittlerweile 1 Uhr und ich war der einzige Gast zu dieser späten Stunde. Mit geröteten, aber leuchtenden Augen schwärmte ich ihm von meinem nächtlichen Ausflug vor.

Ein langer Tag ging zu Ende - aber zwei weitere hatte ich ja noch vor mir. Morgen würde ich alles ein wenig ruhiger angehen lassen: spät frühstücken, ein wenig auf die Piste und... abends wieder auf Wanderschaft!