Astronomen - eine seltsame Spezies

Rainer Mannoff

Magazin Star Observer   6/00

 

Endstation. Als die Türen der Gornergratbahn aufgehen, schlägt mir ein eisiger Wind entgegen. Beim Ausladen merke ich dann auch schnell, wie dünn die Luft hier oben auf 3100 Metern ist. "Du bist verrückt" hatten die meisten gesagt, als ich ihnen von meinem geplanten Aufenthalt auf dem Gornergrat erzählte. Kopfschmerzen und Erfrierungen wären demnach das einzige, was ich von hier oben wieder mitnehmen würde. Haben sie nicht Recht? Was sind die Beweggründe, "sich das anzutun"? Ich möchte die Tage hier oben beim "Leonidentreffen" nutzen, mir darüber Gedanken zu machen; andere "Verrückte" kennenzulernen und am Ende vielleicht mehr über die "seltsame Spezies Astronom" zu wissen.

Bevor es heute abend hinausgeht, gibt es erst einmal ein gemeinsames Abendessen. Mir gegenüber sitzt Otto. Sein größtes Interesse gilt den Kometen. Was denn da zur Zeit besonderes zu sehen wäre, frage ich ihn. Mit Begeisterung erzählt er mir von einer ganzen Reihe von Kometen, die er in den nächsten Tagen mit seiner Schmidt-Kamera "jagen" will. Alles so Objekte ab der elften oder zwölften Größenklassse. Der Nicht-Astronom mag hier nüchtern bemerken, daß es sich dabei um kleine Lichtflecken handelt, die 5.000mal schwächer leuchten als beispielsweise der Polarstern. Für Otto hingegen sind es faszinierende Himmelskörper. Seine Begeisterung steckt an. Ich beginne, mich wohlzufühlen.

Ich komme mit dem jungen Mann neben mir ins Gespräch. Irgendwo her kenne ich ihn, das weiß ich. Als er dann von den Jugend-Astro-Camps erzählt, die er organisiert, fällt es mir wieder ein: mit "Hallo" hat er stets die jungen Leser des StarObserver begrüßt, als er (bis zu seinem Wehrdienst) den Club für Kids und Teens gemanaged hat. Seine enthusiastische Stimme läßt keinen Zweifel daran, daß er der Richtige ist, um für neue "Verrückte" zu sorgen.

So langsam jedoch werde ich unruhig. Draußen ist es sternenklar , aber das Essen ist noch nicht beendet. Nicht-Astronomen würden nie daran denken, gleich aufzuspringen, sich in Thermo-Kleidung zu zwängen und die Nacht in der klirrenden Kälte zu verbringen, um sich ein paar Sterne anzuschauen. Hier hingegen werden gerade Nachspeisen abbestellt und einer nach dem anderen verschwindet zur Tür des Restaurants hinaus. Ich glaube, hier bin ich richtig.

Heute Nacht ist es etwa Minus 10 Grad und windstill. Angenehme Bedingungen. Über das Beobachtungsplateau verteilt stehen wir unter einem grandiosen Sternhimmel. Der Nicht-Astronom wird vielleicht anmerken, daß dies alles sehr nett sei, man doch aber nach spätestens einer Stunde alles gesehen hätte und wieder hineingehen kann. Wir hingegen können nicht genug bekommen und Stunde um Stunde vergeht. Als gegen vier Uhr morgens die Venus aufgeht, sind die meisten noch immer hier draußen. Nur Stefan, dessen Ausrüstung ein paar Meter entfernt steht, scheint schon weg zu sein. Neben seinem "Traveller" liegt allerdings seit Stunden ein großer dunkler Gegenstand. Ich gehe hinüber und: es ist Stefan. Er lebt und konzentriert sich auf die Nachführung seiner Aufnahme. Wer jetzt eine frierende und fluchende Stimme erwartet, der ist wahrscheinlich Nicht-Astronom. Stefan liegt in seinem Schneeloch und stößt Worte wie "Boah" und "Klasse-Bedingungen" aus. Er ist nunmal Vollblut-Astronom. Mir wird es dabei gleich wieder wärmer – warm genug für mindestens eine weitere Stunde.

Der Tag ist viel zu lang. Trotz der grandiosen Landschaft und viel Fachsimpelei ist allen die Ungeduld anzumerken. Jeder geht heute ein paar Mal auf das Plateau, überprüft die Ausrüstung, bestaunt die Instrumente der anderen... und dann endlich wird es wieder dunkel!

Axel ist am Nachmittag angekommen und köpft jetzt erst einmal eine Flasche Sekt, bevor er sich hinter seine neue Russentonne klemmt. Nein, keine First-Light-Feier! Er hatte vor kurzem Geburtstag; und warum sollte er nicht dort anstoßen, wo er sich wohl fühlt: unterm Sternenzelt! Der Nicht-Astronom mahnt natürlich an, daß bereits geringste Mengen Alkohol die Leistung der Lichtrezeptoren des Auges reduzieren. Für uns ist es einfach nur eine schöne Sache und mit Leistungs-geschwächten, aber strahlenden Augen geht es weiter.

Wie auch schon in der letzten Nacht stehen immer ein paar Leute bei Haralds Riesen-Bino. Er hatte mir bei der Hochfahrt nicht zuviel versprochen: der Blick durch das hochwertige 15-Zentimeter-Gerät ist unvergleichlich. Fast zuviel für Frank, den der Anblick des großen Orion-Nebels in andauernde Euphorie versetzt. Noch in einer Stunde wird er sich und anderen immer wieder erzählen, wie plastisch und nah der Nebel wirkte (er hatte Recht!).

Es ist Mittwoch; in der kommenden Nacht wird der Leonidenschauer erwartet. Ich befürchte, daß meine Aufnahmen möglicherweise defokussiert sind, weil irgendetwas mit der Mattscheibe meiner Kamera nicht stimmt. Als mir Axel schließlich einen Film entwickelt und sich dies teilweise bestätigt, zeigt sich die Hilfsbereitschaft der anderen. So gibt mir Stefan Tips für eine andere Fokussiermethode und Bernd betrachtet die Negative eingehend, um die möglichen Ursachen einzugrenzen. Sind das Leute, die aufgrund ihrer Bekanntheit in irgendeinem Elfenbeinturm sitzen? Nein, es sind Astronomen!

Die Nacht der Nächte. Minus 20 Grad und bewölkt. Seit Mitternacht pendeln Otto, Stefan und ich zwischen Plateau und Eingangshalle hin und her. Es ist sehr windig und die Wolkendecke reißt immer mal wieder auf. Irgendwann entdecken wir Hans-Günther auf dem Plateau. Er harrt bereits seit Stunden aus. Normalerweise erkennt man ihn an seinem computerisierten Teleskop, daß nachts eher einem Christbaum gleicht (Hans-Günther, verzeihe mir!). Nun aber wartet er einfach, gegen den eisigen Wind anscheinend immun, daß irgendwo in den Wolkenlücken erste Meteore zu sehen sind. Er ist halt mit Leib und Seele Astronom.

Endlich, gegen halb drei, werden die Wolkenlücken größer und: die ersten Meteore! Schnell werden die anderen geweckt. Was sich in er nächsten Stunde abspielt, gehört zu meinen schönsten Astro-Erlebnissen überhaupt. Nicht nur, daß fast im Sekundentakt Leuchtspuren über den Himmel rasen. Überall sind "aahs" und "oohs" sowie eine Vielzahl weiterer Freudenlaute zu hören. Die Stimmung ist unvergleichlich.

Abfahrt. Als sich die Türen der Gornergratbahn schließen, geht ein einmaliges Astro-Erlebnis zu Ende. Ich nehme weder Erfrierungen noch Kopfschmerzen mit, aber viele schöne Erinnerungen. Und? Habe ich mehr über Astronomen erfahren? In jeder Stunde, die ich hier oben war! Es fällt jedoch noch immer nicht leichter, es in wenigen Worten zu beschreiben. Aber vielleicht ist es mir ja mit dieser Geschichte gelungen, etwas vom "Astronomen-Feeling" rüber zu bringen; und vielleicht findet sich die eine oder der andere irgendwo darin wieder... als Angehöriger einer seltsamen Spezies!