Sternzeichen Schlangentraeger

oder Warum Skorpione so selten sind

Rainer Mannoff

VdS-Nachrichten 2/2001

 

Passiert Ihnen das auch manchmal? Sie erzählen jemandem, daß Sie sich für Astronomie interessieren und bekommen eine Frage wie diese gestellt: "ich bin Skorpion und was sind Sie?" Für manchen Astronomen ist dies der Worst Case, die schlimmste zu erwartende Reaktion. Die geliebte seriöse Wissenschaft wird mit der Astrologie in einen Topf geworfen!

Ich schreibe heute jedoch nicht, um mich über die Astrologie zu empören; vielmehr möchte ich zwei Aspekte der Sterndeutung darstellen, die in keinem Horoskop auftauchen: das dreizehnte Sternzeichen und der Umstand, daß manch ein Glaubender eigentlich gar nicht das ist, wofür er sich hält.

Aber fangen wir mit der einfachsten aller möglichen Reaktionen auf die Frage nach Ihrem Sternzeichen an (begrifflich sind die astrologischen Tierkreis- oder Sternzeichen von den astronomischen Sternbildern zu unterscheiden). Nennen Sie Ihr (scheinbares) Sternzeichen und fragen Sie doch beim offensichtlich fachkundigen Gesprächspartner einmal nach, warum denn der eine ein Skorpion und der andere eine Jungfrau sei. Die nach meiner Erfahrung häufigste Antwort wird etwas in der Art sein , daß der eine eben in diesem, der andere eben in jenem Zeichen geboren wäre. Ebenfalls beliebt ist die Antwort, daß das Sternbild zu dieser Zeit funkelnd am Nachthimmel zu finden wäre. Jetzt sind Sie an der Reihe! Erzählen Sie Ihrem Gesprächspartner doch einmal, daß das Sternbild wirklich am Himmel steht, jedoch tagsüber und völlig unsichtbar - denn die Sonne befindet sich gerade "darin". Vielleicht gelingt es Ihnen ja damit bereits, Interesse für die Naturwissenschaft zu wecken.

Manch ein Freund der Sterndeutung kennt jedoch diesen Sachverhalt. Nun ist es Zeit für den entscheidenden Trumpf. Vielleicht ist er ja gar nicht das, was er zu sein glaubt. Die Sonne hält sich nämlich weder einem Monat in jedem Sternbild des Tierkreises auf, noch durchläuft sie dabei nur derer zwölf; und sollte unser Freund zwischen dem 29. November und dem 18.Dezember geboren sein, dann ist er kein Schütze, sondern ein Schlangenträger!

Bereits zur Zeit der Babylonier vor 4000 Jahren wurden Figuren in den Himmel konstruiert. Sie dienten der räumlichen und zeitlichen Orientierung, waren aber bereits auch Grundlage für Vorhersagen und Deutungen. Unsere abendländische astrologische Kultur hat ihren Ursprung in der babylonischen und später griechischen Astrologie der Zeitwende. Dabei wurde die scheinbare Bahn der Sonne "um die Erde", die Ekliptik, in zwölf gleiche Abschnitte unterteilt, welche nach nächstliegenden Sternbildern benannt wurden. Warum gerade zwölf Tierkreiszeichen gebildet worden, lag in der besonderen Bedeutung dieser Zahl. Auch heute ist die Zwölf zum Beispiel als Maßeinheit für uns noch von Bedeutung: das Jahr hat zwölf Monate, der Tag hat (wie die Nacht) zwölf Stunden, ein Dutzend sind zwölf Einheiten.

So weit so gut: die Sonne durchläuft also im Laufe eines Jahres die zwölf Tierkreiszeichen, welche mit den dort liegenden Sternbildern übereinstimmen. Wo ist das Problem? Nun, das stimmt nicht mehr! Die Erde ist auf ihrer Bahn um die Sonne keineswegs in einer festen Achslage; sie taumelt sozusagen wie ein Kreisel. Bewirkt wird diese Kreiselbewegung durch die Anziehungskräfte von Sonne und Mond auf den Äquatorwulst der Erde (die keine perfekte Kugelform hat). Da die Erdachse (und somit die Äquatorialebene) nicht mit der Ebene der Ekliptik zusammenfällt, entsteht diese Bewegung, die Präzession genannt wird. Eine volle Kreiseldrehung dauert 25.800 Jahre. Das wohl bekannteste Beispiel für die Präzession ist die Verlagerung des Himmelsnordpols. Dem Polarstern müssen wir aufgrund seiner Position spätestens in ein paar hundert Jahren einen anderen Namen geben. In etwa 7000 Jahren steht dann Deneb im Schwan beim Himmelsnordpol.

Die Präzession hat aber noch einen weiteren Effekt: sie führt zu einer Rückwärtsbewegung von Frühlings- und Herbstpunkt (Schnittpunkte zwischen Ekliptik und Himmelsäquator) und somit zu einer Verschiebung der Zeiten, in der sich die Sonne in einem Sternbild aufhält. Die Punkte verschieben sich jährlich um etwa 50 Bogensekunden; das bedeutet, daß die Sonne nach etwa 70 Jahren erst einen Tag später eine bestimmte Position auf der Ekliptik einnimmt. Heute, etwa 2000 Jahre nach Festlegung der Tierkreiszeichen, haben sich die Punkte bereits um etwa 30 Grad verschoben. An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, daß natürlich auch die in der Astrologie so wichtigen Planeten an der Präzession teilhaben; jedoch bewirken sie alle zusammen gerade mal eine Verlagerung um 0,12 Bogensekunden. Die "Kräfte" der Planeten spielen hier, verglichen mit Sonne und Mond, eine wirklich untergeordnete Rolle!

Die folgende Tabelle zeigt auf, zu welchen Zeiten sich die Sonne derzeit im jeweiligen Sternbild aufhält. Auch der in der Astrologie stets verschmähte Schlangenträger ist darin aufgeführt. An nur sechs Tagen im Jahr hält sich die Sonne im Skorpion auf. Echte Skorpione sind also wirklich rar.

Sternzeichen

üblicher Zeitraum

tatsächlicher Zeitraum *)

Dauer in (vollen)Tagen

Widder

21.3. – 20.4.

18.4. – 13.5.

25

Stier

21.4. – 20.5.

13.5. – 22.6.

40

Zwillinge

21.5. – 21.6.

22.6. – 21.7.

29

Krebs

22.6. – 22.7.

21.7. – 10.8.

20

Löwe

23.7. – 22.8.

10.8. – 16.9.

37

Jungfrau

23.8. – 23.9.

16.9. – 31.10.

45

Waage

22.9. - -21.10.

31.10. – 23.11.

23

Skorpion

23.10. – 22.11.

23.11. – 29.11.

6

Schlangenträger

---

29.11. – 18.12.

19

Schütze

22.11. – 20.12.

18.12. – 21.1.

34

Steinbock

21.12. – 19.1.

21.1. – 16.2.

26

Wassermann

20.1. – 18.2.

16.2. – 11.3.

24

Fische

19.2. – 20.3.

11.3. – 18.4.

38

*) beim Übergang steht die Sonne in zwei Sternbildern gleichzeitig

Manch ein geschulter Astrologe mag einwerfen, daß die Präzession und die damit verbundene Verschiebung der Tierkreiszeichen gegen die Sternbilder keinerlei Bedeutung habe, da die zwölf Tierkreiszeichen lediglich Abschnitte am Himmel symbolisieren würden. Der Mensch, der ja nach astrologischer Vorstellung aufgrund seines Geburtstages bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften hat, wäre demnach trotzdem im stets gleichen Abschnitt eines Jahres geboren. Warum aber, so frage ich, sind das dann keine Menschen aus "Jahresabschnitt Fünf" oder "Phase Sieben"? Die Zuordnung eines Geburtstages zu einem Sternbild ist nach meiner Auffassung nur dann gerechtfertigt, wenn auch ein astronomischer Zusammenhang besteht, nämlich der, daß sich die Sonne zu dieser Zeit im Sternbild auf.

Wie wohl Ihr Gespräch verlaufen wird? Vielleicht wird sich Ihr Gesprächspartner ja entsetzt von Ihnen abwenden. Vielleicht können Sie aber auch Neugier für die Astronomie wecken und haben ein interessantes Gespräch über wirkliche Sternzeichen und weitere astronomische Themen.

Ich selbst bin übrigens nicht wie bisher angenommen ein Zwilling, sondern ein Stier. Das ist für mich ohne Bedeutung, einmal davon abgesehen, daß ich mir ein paar (natürlich gute) Eigenschaften gemerkt hatte, die man den Zwillingen zuschreibt.