Im Schatten des Himmelsjaegers

Rainer Mannoff

Magazin Sterne und Weltraum 12/2002

 

Das Gebiet um den Orionnebel ist mit Sicherheit das beliebteste Wintermotiv für Fotooptiken, die einen Himmelsabschnitt von zwei bis drei Grad erfassen können. Es gibt jedoch interessante Alternativen. Vier davon werden hier vorgestellt.

Für Besitzer einer Optik um einen halben Meter Brennweite für Kleinbild- oder einen Meter für Mittelformat-Fotografie ist zur Winterzeit das Orionnebel-Gebiet die erste Wahl, wenn es darum geht, das Bildfeld mit dem Motiv möglichst gut auszuleuchten. Zusammen mit dem Reflexionsnebeln NGC 1973-75-77 ergibt sich eine Ausdehnung von 1°.5 x 2°.5 – ideal für beispielsweise 2°.3 mal 3°.4 von 600mm Kleinbild oder 3°.3 x 3°.3 von 1000mm bei 6x6 .

Andere bekannte Objekte hingegen, wie der Rosettennebel (1°) oder die Region um den Pferdekopfnebel (1°.5), wirken da bereits etwas verloren auf dem Bild. Allenfalls der Californianebel (1° x 2°) oder die Plejaden (2° x 1°.5) scheinen als Motive für diese relativ kurzen Brennweiten gut geeignet. Was bleibt dann aber noch? Viel, wie ich meine! Im folgenden möchte ich vier Motive vorstellen, die sich neben ihrer Größe von mindestens 2° auch durch ihre interessante Form und ihre abwechslungsreiche Struktur auszeichnen. Alle Aufnahmen entstanden mit meinem Zeiss Spiegelobjektiv 5,6/1000. Das Bildfeld dieser seltenen Optik von Zeiss Jena beträgt in Verbindung mit der russischen Kamera Kiev 60 knapp 3 x 3°.

Beginnen möchte ich mit dem Emissionsnebel IC 1805 in der Cassiopeia. Zwar kulminiert der 2° große Nebel am 1.Februar bereits gegen 18 Uhr, er steht mit knapp 62° Deklination aber noch 5° nördlicher als die benachbarten Sternhaufen h und l Persei; somit ist er in Mitteleuropa auch im Februar noch ein lohnendes Motiv. IC 1805 wird im Englischen auch als Heart-, Valentine oder Running Dog Nebula bezeichnet: dreht man das Bild um 90 Grad nach rechts, so ist die Herzform zu erkennen. Schwieriger ist meines Erachtens das Erkennen eines rennenden Hundes, bei dem die kompakte Nebelstruktur rechts oben (NGC 896 / IC 1795) den Kopf und der schwache vertikale Nebelausläufer in der Bildmitte den Schwanz des Tieres darstellen. Rechts der Bildmitte, im Zentrum von IC 1805, befindet sich der junge Sternhaufen Mel 15, dessen 5 O-Sterne die UV-Strahlung produzieren, welche den umgebenden Sauerstoff ionisiert. Der Sternhaufen links der Bildmitte trägt die Bezeichnung IC 1027. Am linken unteren Bildrand ist ein Teil von IC 1848 zu erkennen, einem weiteren Emissionsgebiet mit 1° Ausdehnung. Insgesamt umfassen IC 1805 und IC 1848 in etwa 4° x 3°.

Im Fuhrmann, 12° südlich von Capella, befinden sich bei 34° Deklination zwei weitere lohnende Objekte: die Emissionnebel IC 410 und IC 405. Der östliche, IC 410, ist kleiner aber leuchtkräftiger als IC 405. Er beherbergt den offenen Sternhaufen NGC 1893, dem drei frühe O-Sterne angehören. IC 405 wird auch als Pistolennebel oder Flaming Star Nebula bezeichnet. Der "flammende Stern" ist AE Aurigae im zentralen nördlichen Teil. Er hat eine hohe Eigenbewegung und zählt zur Gruppe der "Runaway Stars", die möglicherweise bei einer prähistorischen Supernova aus dem Orion herausgeschleudert wurden. AE Aurigae ist ein O9.5-Stern, der wesentlich weniger UV-Protonen produziert als die drei O-Sterne in IC410, weshalb dieser auch merklich heller leuchtet als IC405. Die Nebel haben zusammen eine Ausdehnung von 2°.5 x 2°. Am 1.Februar passieren sie den Meridian gegen 20.30 Uhr.

Weiter südlich, im Sternbild Einhorn, befindet sich bei 10° Deklination eine hochinteressante Nebelregion. 5° nördlich des Rosettennebels erstreckt sich auf 2,5° ein riesiges Gebiet aus ionisiertem Wasserstoff und Staub, daß die Bezeichnung S273 trägt. Das S steht für den bekannten Katalog von HII-Regionen, der schon 1956 von von S.Sharpless veröffentlicht wurde.  Aktives Zentrum von S273 ist der offene Sternhaufen NGC 2264, im Englischen auch Christmas Tree Cluster. Der 5 mag. helle Stern S Monocerotis, ein O9-Riese, bildet die Basis des auf dem Kopf stehenden "Baumes aus Sternen". Dessen Spitze wird durch eine vor einem hellen Emissionsgebiet stehende Dunkelwolke, dem Konusnebel, gebildet. NGC 2264 eignet sich auch sehr gut für längere Brennweiten; hier kommt das Reflexionsgebiet um S Monocerotis besonders zur Geltung. Er kulminiert am 1.Februar um 21.30 Uhr. Knapp 1° südwestlich von S Monocerotis ist der bläulich schimmernde kleine kometarische Nebel NGC 2261, besser bekannt als Hubbles variabler Nebel, zu erkennen.

Das letze Motiv, daß ich hier vorstellen möchte, steht mit –11° Deklination sehr weit im Süden. 7° nordöstlich von Sirius, auf der Grenze zwischen Fuhrmann und großem Hund gelegen, erfordert der Emissionsnebel NGC 2177 für ein Foto von Mitteleuropa aus einen freien Südhimmel. Einige Astronomen bezeichnen NGC 2177 auch als Adlernebel; ich bevorzuge jedoch den Namen Seemövennebel oder wie im Englischen Seagull Nebula. Der Grund für die Namensgebung ist offensichtlich. Der sich auf 2°.5 von Norden nach Süden erstreckende Nebel gleicht einem Vogel im Flug. "Der Kopf" in der rechten oberen Bildhälfte trägt die eigene Bezeichnung NGC 2327; er ist von einer markanten Dunkelwolke durchzogen und zeigt auf manchen Aufnahmen neben leuchtendem Rot auch blaue Reflexionsfarben. Am nördlichen "Flügel des Vogels" befindet sich der Sternhaufen NGC 2335, am südlichen der kleine Nebel Ced 90. NGC 2177 passiert am 1.Februar gegen 22.30 Uhr den Meridian.

Für alle Fotomotive ist selbstverständlich eine Umgebung mit geringer Lichtverschmutzung jenseits der Stadt erforderlich. Da es sich fast ausschließlich um Emissionsgebiete handelt, ist zudem ein besonders rotempfindlicher Film wie beispielsweise der Kodak Ektachrome E200 zu empfehlen.

Ich hoffe, daß ich Interesse für diese selten fotografierten Motive wecken konnte. Vielleicht kommen ja in diesem Winter viele neue Aufnahmen hinzu und sie bleiben nicht länger "im Schatten des wilden Jägers".

Literaturhinweise

[1] Bernd Koch (Hrsg.), Handbuch der Astrofotografie, S.134-135, Springer Verlag 1995