Quo Vadis Photonenangler?

Aus dem Seelenleben eines "konventionellen Astrofotografen"

Rainer Mannoff

 VdS-Nachrichten 1/2002

Es begann mit Panik. Wieder hatte sich einer meiner Astrofreunde diese Kamera aus Kalifornien gekauft. Dunkelstrom schoß durch meinen Körper. Ich war nun wohl der Letzte, der ohne Laptop hinausgeht um in unerträglicher Langsamkeit einen Streifen mit Silber gespickter Gelatine durch ein Metallgehäuse zu ziehen.

Quanteneffizienz war angesagt – nur nicht bei mir. Während all die anderen mit Hochseenetzen reiche Beute machten, saß ich mit meiner chemischen Angel vor einem Tümpel und wartete, bis sich gelegentlich ein Photon auf die Reaktion mit meinem Film einließ. Und während die CCDs "linear" mit jeder Sekunde mehr einfingen, wurden meine Chancen auf Erfolg von Minute zu Minute schlechter. Photonen sind ja nicht blöd und bemerken irgendwann den chemischen Haken.

Es ist wirklich nett, daß astronomischen Zeitschriften von Zeit zu Zeit einen Filmtest abdrucken. Eine Würdigung vergangener Werte zeichnet ein renommiertes Blatt eben aus. Der Terror ging jedoch unvermindert weiter. Ich traute mich kaum noch, nach den Bildautoren veröffentlichter Fotos zu schauen. VLT? Hubble? Nein, Flach-Wilken und Wendel; und was Bernd und Volker auf Ihrer Festplatte hatten, das hatten sie. Ich hingegen hatte es erst einmal auf meinem unentwickelten Film. Wahrscheinlich hatte ich es. Ein fettes Flugzeug mit Christbaumbeleuchtung? Ein Autoscheinwerfer, der mich doch erwischt hat? Die Möglichkeiten des Scheiterns sind nahezu grenzenlos. Und dann die Entwicklung: zu kalt, zu warm - oder einfach mal erst fixiert und dann entwickelt? Glücklicherweise entwickle ich im Badezimmer. Ich kann es abschließen und dann heimlich weinen, nachdem ich den Film aus der Dose geholt habe.

Ich begann also, mich intensiv in die Welt der digitalen Fotografie einzulesen. Von Blooming, Binning und Ausleserauschen war die Rede. Starkes Rauschen erfüllte mich dann auch bei der entsetzlichen Offenheit, mit der "Sky & Telescope" das neue Flaggschiff aus Santa Barbara beschrieb: "...the results...have convinced more than a few die-hard astrophotographers still working with film...". Nun ja, zugegeben, ein wirklich schönes Gerät. Sie kühlt stufenlos, auch im Sommer. Allerdings hat sie nur ein (Filter-) Rad und bietet alles andere als Platz für vier Personen – was wohl letztendlich ausschlaggebend für die Entscheidung des Familienrates war, ein neues Auto diesem Spielzeug für den Papa vorzuziehen.

Ich war verloren. Aber halt: eine Webcam vielleicht? Im Winter Jupiter und Saturn und im Sommer den Mond...oder gelegentlich den oppositionellen Mars. Tolle Bilder gibt es da, erstellt mit günstigen astronomischen Mitteln. Aber irgendwie war es auch nicht das Richtige für mich.

Eine Ewigkeit war ich nun schon umhergeirrt. Die zündende Idee war ausgeblieben. Allerdings kam immer öfter die Frage nach dem Sinn meines astronomischen Tuns in mir auf. Ich war sozusagen an der Basis meiner astronomischen Seele angelangt. Was wollte ich eigentlich? "Ganz vorn" mit dabeisein? Einen Stammplatz in den Galerien der Zeitschriften? Es war doch seltsam: meine für mich schönsten Fotos waren nicht unbedingt die Besten. Hale Bopp mit einem verratzten Kleinbildobjektiv, IC1805 mit einem uralten Spiegel aus Jena,... es waren die Erinnerungen, die mit diesen Bildern verbunden waren. Wie der Komet damals leuchtend über dem Wald stand; wie ich auf dem Gornergrat in diesem Schneeloch saß und nachführte. Erinnerungen an die Freunde, die dabei waren, an schöne Astronächte.

Genau zur rechten Zeit kam das Angebot meines Freundes Uli Schimek, seine Schmidtkamera doch gemeinsam zu nutzen. Ich begeisterte mich umgehend für diese Idee. Fünfzig Quadratgrad Bildfeld und keine Chance, jemals eine CCD-Kamera zu adaptieren. Somit hatte sich die digitale Frage (erst einmal) von selbst beantwortet - und f/2 war doch ein recht guter Kompromiß, wenn es um das Einfangen von Photonen mit archaischen Mitteln geht.

Wir wollen jetzt viele schöne Erinnerungsbilder machen. Natürlich wollen wir die auch hin und wieder anderen zeigen. Anbei schon mal unser Erstlingswerk: Vogesen, die drei letzten Märzstunden 2003. Monoceros war eigentlich schon viel zu tief im Westen. Aber es ist unsere Erinnerung an den Abschied vom Winterhimmel.

Clear Skies und viele schöne Erinnerungen wünscht

Rainer Mannoff