Polarlichter im Herzen Europas

(orig.:Polarlichter im Schwarzwald), Originallänge

Rainer Mannoff

Magazin Star Observer   7/00

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Wie hatte ich meinen Freund um seinen Norwegenurlaub beneidet. Allein wegen der Polarlichter war er im Februar für eine Woche mit seiner Familie dorthin gefahren. Als er mir danach eine nächtliche Aufnahme zuschickte war mir klar, daß auch ich irgendwann dafür nach Skandinavien fahren würde. Dieses Schauspiel mußte ich einfach einmal gesehen haben - vielleicht in elf Jahren, wenn das nächste Maximum der Sonnenaktivität ansteht.

Es war wolkenlos und die Luft war trocken. Die Nacht des 6. April schien ideal für eine "Galaxienjagd" zu werden, und so machte ich mich auf die halbstündige Fahrt zu meinem Beobachtungsplatz im Schwarzwald. Seit "Lothar" war ich nicht mehr dort gewesen und wie ich bei der Ankunft sah, war aus dem Waldparkplatz nun eine Lichtung geworden.

Ich war nicht allein an diesem Abend. Dietmar, ein Karlsruher Sternfreund, hatte zwischen den gestapelten Baumstämmen bereits seine Montierung aufgebaut. Auch er wollte heute ein paar Galaxien fotografieren und so machten wir uns "an die Arbeit". Bevor ich die Kamera anschloß, schauten wir noch ein wenig durch mein "neues" 5,6/1000-Objektiv von Zeiss Jena. Das Spiegel-Linsen-System (nach Richter/ Slevogt), gut und gern dreißig Jahre alt, zeigte verblüffende Details von M51, M65 und M66.

Es war gegen 23 Uhr. Ich war fertig mit der Messerschneide-Fokussierung für meine Mittelformat-Kamera Kiew 60; der Film war eingelegt, und .... "schau Dir das an!" rief Dietmar plötzlich. Ich drehte mich um und direkt in Nordrichtung waren zwei Scheinwerfer gen Himmel gerichtet. "Welcher Idiot fährt da mit Fernlicht durch den Wald!" war mein erster Gedanke. Aber das alles paßte nicht. Die Scheinwerfer waren in rotes Licht getaucht und dieses erleuchtete mehr und mehr den Himmel. "Polarlichter, das müssen Polarlichter sein" meinte Dietmar. Er hatte so etwas vor Jahren in Finnland gesehen. Obwohl ich selbst noch nie Polarlichter gesehen hatte, glaubte ich ihm zuerst nicht. Hier im Süden, im Schwarzwald? Die Ligthshow wurde immer beeindruckender. Von Westen bis Nordosten war der Himmel in tiefes Rot getaucht und dazwischen immer wieder diese hellen "Strähnen": manchmal wie Skybeamer, manchmal wie ein Wasserfall aus Licht. Meine Zweifel schwanden dahin. "Das sind Polarlichter! Ich stehe hier in Süddeutschland und bestaune Polarlichter!".

Nach etwa 20 Minuten war die Vorstellung vorbei. Nur ein leichtes rotes Glimmen im Westen war noch zu sehen. Ich hatte kein Foto gemacht, obwohl ich wie immer ein Objektiv für meine Kiew dabei hatte. Es war alles viel zu fesselnd, um auch noch die Kamera herrichten zu können. Den Galaxien, die ich in der kommenden Stunde fotografierte, widmete ich kaum einen Gedanken; die Nachführ-Korrekturen am Leitstern verliefen nahezu unterbewußt. Immer wieder dachte ich an die Polarlichter.

Als Dietmar gegen 1 Uhr heimfuhr, hatte ich noch ein volles Programm. Die Whirlpool-Galaxie M51 war als nächstes "an der Reihe". Nach wenigen Minuten brach ich die Aufnahme jedoch ab – denn es ging wieder los! Der Nordhimmel wurde glutrot. Dieses Mal würde ich Fotos machen! Nach mehreren Versuchen schaffte ich es, das 80-Millimeter-Objektiv anzusetzen (kein leichter Job für zitternde Hände), als Stativ diente einer der zahlreichen Baumstämme. Über Belichtungszeiten bei Polarlichtern wußte ich nichts, also probierte ich mehrere Varianten zwischen einer und fünf Minuten aus. Dieser Ausbruch war noch beeindruckender als der Erste. Neben den "Wasserfällen" und "Skybeamern" zogen sich Kondenzstreifen-artige Strukturen über den gesamten Himmel; teilweise flackerten sie wie Kaminfeuer.

Um 3 Uhr waren die letzten Lichter verloschen, der Himmel gehörte wieder allein den Sternen. Auf der Heimfahrt hörte ich auch im Radio davon. Ich wurde Zeuge eines grandiosen Naturschauspiels. Ob ich wegen Polarlichtern einmal nach Skandinavien fahren werde? Eher nicht. Die Ereignisse dieser Nacht werden schwer zu übertreffen sein, zumal es sich sozusagen vor der eigenen Haustür abspielte. So werde ich beim nächsten Maximum wohl öfter dort sein, wo ich bis zum 6.April niemals Polarlicher vermutet hätte – auf einer (wieder zuwachsenden) Lichtung im Schwarzwald!