Magic Southwest

(Originalfassung)

Elke & Rainer Mannoff

Magazin Star Observer   8-9/2000

zu MAGIC SOUTHWEST

 

Jeder von uns hat es schon erlebt. Man ist in einer sternklaren Nacht irgendwo draußen in der Natur. Man baut gerade sein Teleskop auf oder ist einfach nur auf dem Heimweg...und hält plötzlich inne. Für einen Moment vergißt man die Ausrichtung des Teleskops oder die Sorge, vom Weg abkommen zu können. Eine nur schemenhaft zu erkennende Landschaft, funkelnde Sterne – nichts ist, wie es noch vor wenigen Stunden im Tageslicht war. Etwas Magisches ist um einen herum...

Dieses Mal wollten wir es ganz anders machen. Für den Trip durch den Südwesten der USA hatten wir uns vorgenommen, diese nächtliche Verbindung von Himmel und Erde festzuhalten. Keine "isolierten" Sternfotos mit ein paar begleitenden Landschaftsaufnahmen. Dieses Mal wollten wir versuchen, durch unsere Bilder ein wenig von dem Gefühl zu vermitteln, das einen überkommt, wenn man Naturwunder unter dem Sternenzelt erleben kann.

Albuquerque ist nicht gerade der typische Ort für den Beginn einer Tour durch den Südwesten. Es war jedoch nicht unsere erste Reise in die USA und diesmal sollte es durch die weniger bekannten Gegenden von Arizona und New Mexico gehen – und so erwies es sich als idealer Ausgangspunkt. Im Gepäck hatten wir altbewährtes und neues Astromaterial. Wieder dabei war die New Polaris-Montierung mit kleinem Holzstativ. Sie hatte uns bereits letztes Jahr in Baja California gute Dienste erwiesen. Anstelle des 4-Zoll-Maksutov hatten wir allerdings das wesentlich leichtere Meade-ETX dabei, das daheim am 10-Zoll-Newton hervorragende Leitrohr-Dienste leistet. Auch die alte Pentacon Six war nicht mehr mit an Bord. Nachdem es mehr und mehr zu Problemen mit dem Filmtransport gekommen war, hatten wir als Ersatz eine fast neue Kiew 60 erworben. Erste Tests mit einem 45mm-Mir-Objektiv hatten bestätigt, daß die Kiew 60 eine gute Alternative in der Mittelformat-Fotografie ist.

Nachdem wir unseren kleinen Camper abgeholt hatten, ging es direkt nach Süden zum White Sands National Monument. Über eine Fläche von 600 Quadratkilometer erstreckt sich eine Dünenlandschaft, die sich von ähnlichen Gebieten in einem wesentlichen Punkt unterscheidet: die Dünen bestehen aus Gipssand und sind nahezu vollkommen weiß. Das National Monument liegt innerhalb eines Militärgeländes, der White Sands Missile Range. Hier werden seit den Vierziger Jahren Raketenversuche unternommen. Berühmtheit erlangte White Sands durch den ersten Atombombentest im Jahre 1945. Trinity Site, der Ort der Detonation, liegt jedoch ca. 60 Meilen vom Monument entfernt. Bei Sonnenuntergang müssen Besucher White Sands verlassen; das Übernachten ist nicht erlaubt. Wir konnten somit leider keine abendlichen Aufnahmen der Dünen machen – nicht weiter schlimm, denn vor uns lagen noch viele Attraktionen.

Die nächsten Tage ging es durch amerikanisch- mexikanisches Grenzgebiet nach Westen. Auf der Suche nach einem geeigneten Campingplatz stießen wir dabei auf eine kleine Perle: den State Park "City of Rocks". Inmitten einer Steppenlandschaft befinden sich, auf einer Fläche von vielleicht gerade mal vier Quadratkilometern Hunderte von Gesteinstürmen. Es wirkt teilweise wie ein überdimensionales, von der Natur geschaffenes Stonehenge. Der Campingplatz ist über die gesamte Anlage verteilt. Eine herrliche Kulisse für die ersten Aufnahmen.

 

Um es vorweg zu nehmen: jedes Landschaftsbild besteht aus zwei oder drei Einzelfotos. Wer schon einmal Himmelsaufnahmen vor dem Horizont gemacht hat, der weiß, daß schon nach kurzer Zeit die Landschaft "verschwimmt" oder die Sterne Strichspuren bilden - je nachdem, ob die Aufnahme nachgeführt wird oder nicht. Alle unsere Aufnahmen entstanden jeweils an gleicher Stelle mit gleicher Ausrichtung im Laufe einer Nacht. Jede andere Kombination von Sternen und Landschaft wäre für uns bloßes Patchwork gewesen, ohne einen Bezug zu jeweils genau jenem Ort, jener Nacht und all den Eindrücken, die damit verbunden waren.

Die Kamera war über eine Montageplatte parallel zum Leitrohr montiert. Ein Schwenken über die Teleskopachsen hinaus war nicht möglich; somit mußten alle Aufnahmen exakt nach Süden oder Norden erfolgen. Nur so waren wir in der Lage, aufrechte Landschaften zu erhalten. Für die ersten Landschaftsaufnahmen wollten wir das Mondlicht ausnutzen. Bevor der Mond gegen halb zwei Uhr morgens aufging, machten wir erst einmal Sternaufnahmen in Nordrichtung. Hierbei griffen wir auf den bewährten Kodak Pro Gold 1000 zurück – für uns noch immer das non plus ultra bei "schnellen Filmen" für Mittelformat – und schnell mußte der Film sein, denn wieder einmal führten wir die Aufnahmen per Hand nach. Die zwei besten Fotos sollten später mit einer Landschaftsaufnahme kombiniert werden. Warum zwei Sternfotos? Sobald ein Teil der Landschaft in den Himmel "hineinragt", ergibt sich bei nur einer Aufnahme ein unterbelichteter Bereich neben den Objekten – der Bereich, der während der Aufnahme anfangs verdeckt war und erst im Laufe der Nachführung sichtbar wird. Dieser Bereich wird durch den entsprechenden Ausschnitt der nachfolgenden Aufnahme kompensiert.

Auf unserem weiteren Weg lagen berühmte Westernstädte wie Bisbee und Tombstone. Vorbei am Mount Hopkins und dem Whipple Observatorium (organisierte Tagesbesuche möglich!) ging es zu unserem nächsten größeren Ziel: dem Kitt Peak. Etwa vierzig Meilen westlich von Tucson schlängelt sich die Nebenstraße zum Gipfel hinauf. Oben angelangt bietet sich für jeden Astronomen ein märchenhafter Anblick. Über den gesamten Gipfelbereich verteilen sich die Teleskopkuppeln, dominiert vom majestätischen Gebäude des großen 4-Meter-Spiegels. Das Observatorium bietet für Besucher ein nächtliches Beobachtungsprogramm am 16-Zöller des Visitor Centers an. Leider hatten wir es versäumt, die Teilnahme über das Internet zu buchen – das Programm war über Wochen ausverkauft. Somit blieb uns nur die "Abfahrt" am späten Nachmittag. Damit es anderen nicht genauso ergeht, halten wir für Intersssierte auf unserer Homepage (www.mannoff.de) die Internet-Adressen von astronomischen Highlights in Arizona und New Mexico bereit.

Einen Trost für die entgangene Beobachtungsfreude sollte uns das Organ Pipe National Monument bieten; etwa hundert Meilen westlich vom Peak, direkt an der mexikanischen Grenze gelegen. Das nahezu menschenleere Monument umfaßt ein Gebiet von 1300 Quadratkilometern. Es wird dominiert von Orgelpfeifenkakteen, welche ihm auch seinen Namen gaben. Zwar liegt Organ Pipe im Durchschnitt nur 600 Meter hoch (im Gegensatz zu den 2100 Metern des Kitt Peak), es ist jedoch abgeschieden und nahezu frei von Störlicht, sodaß wir hier wieder ein paar Aufnahmen wagen wollten. Der mehr und mehr abnehmende Mond ging mittlerweile so spät in der Nacht auf, daß wir, um die Belichtungszeiten für die Landschaftsaufnahmen einigermaßen im Rahmen zu halten, mit dem Restlicht der Dämmerung "arbeiteten". Etwa 30 Minuten nach Sonnenuntergang begannen wir, das ausgewählte Motiv (Kakteen) mit unterschiedlichen Belichtungszeiten aufzunehmen. Es waren die ersten Fotos dieser Art und so wollten wir sicher gehen, mindestens eine "goldene Aufnahme" auf dem Kodak Pro Gold 100 zu erhalten.

Wir hatten ein Motiv in Südrichtung gewählt – aus einem einfachen Grund: Organ Pipe, der südlichste Punkt unserer Reise, liegt auf dem 32.Breitengrad. Somit war ein Blick auf Sternregionen möglich, der sich sonst nur bei Beobachtungen in Südeuropa bietet. Nach Abschluß der "Kakteen-Serie" wechselten wir den Film und machten mehrere Aufnahmen im Bereich der Sternbilder Wolf und Skorpion.

Das Gebiet um Flagstaff war unser nächstes Ziel. Es zählt zum hochgelegenen Colorado-Plateau, auf dem wir nun die Tage bis zum Rückflug verbringen wollten. Flagstaff hat ein ganz besonderes astronomisches Highlight: das Lowell-Obeservatorium. Die schöne Anlage befindet sich auf einem Hügel am Ortsrand. Das zugehörige Museum bietet "Astronomie zum Anfassen" und spricht auch die jüngeren Besucher an. Natürlich nahmen wir an einer der Führungen teil. Den 24-Zoll-Clark-Refraktor aus dem Jahre 1896 muß man einfach gesehen haben. Ein zehn Meter langes Wunderwerk mit unzähligen Stangen, Kurbeln und Seilen. Am 13-Zoll-Astrographen des Observatoriums wurde 1930 durch den Vergleich von Photoplatten Pluto als neunter Planet entdeckt. Unser Tip: unbedingt anschauen!

Nur etwa vierzig Meilen östlich von Flagstaff befindet sich ein eindrucksvolles Monument für die kosmische Bedrohung unseres Planeten: Meteor Crater – ein über einen Kilometer breiter und 300 Meter tiefer Impaktkrater. Er ist trotz seines Alters von etwa 50.000 Jahren phantastisch gut erhalten. Unsere Hoffnungen für nächtliche Aufnahmen wurden jedoch schon vor dem Eingang zerstört. Der Krater befindet sich auf Privatgelände. Zur Anfahrtsstraße hin ist er mit Stacheldraht umzäunt und bereits lange vor Sonnenuntergang schließen die Tore für Besucher. Auch ein Gespräch mit dem Manager war erfolglos. Kein nächtlicher Zugang ohne Genehmigung des Eigentümers, und das könne eine Weile dauern. Somit blieb uns, nachdem wir den vielleicht größten Souvenirladen des Westens passieren mußten, nur ein Blick auf den auch bei Sonnenschein beeindruckenden Krater.

Die nächsten Nächte aber gehörten wieder der Fotografie. Der Canyon de Chelly zählt zu den bedeutendsten kulturellen Monumenten des Westens. Der Canyon, auf Navajo-Gebiet gelegen, kann mit Allradfahrzeugen (indianische Führung) befahren werden. An den Canyonwänden gibt es zahlreiche Ruinen aus der Anasazi-Zeit vor etwa Eintausend Jahren. Für die nächtlichen Aufnahmen wählten wir jedoch einen gut erreichbaren Platz am Rand der Schlucht. Wie in "City of Rocks" machten wir Aufnahmen in Nordrichtung. In den Stunden nach Sonnenuntergang bleibt am Nordhorizont eine schwache Dämmerung. Für die Art von Aufnahmen, wie wir sie machten, störte das jedoch nicht. Ein leicht aufgehellter Himmel im Horizontbereich kann eine schöne Verbindung zwischen Sternen und Landschaft schaffen.

Die Aufnahmen im Arches Nationalpark, dem bereits in Utah gelegenen nördlichsten Punkt unserer Reise, sollten die Abenteuerlichsten für uns werden. Delicate Arch, der Schönste der zahlreichen Natursteinbögen, liegt leider eine halbe Stunde Fußmarsch von der Straße entfernt. Nachdem wir am Nachmittag das Gelände sondiert hatten, packten wir abends die Astro-Ausrüstung, Isomatten und Schlafsäcke und zogen noch einmal los. Als alle anderen Besucher gegangen waren, machten wir Restlichtaufnahmen vom Delicate Arch. Zu einem grandiosen Naturmonument wie "dem Delicate" paßt nun einmal nur eine grandiose Sternkulisse – das Zentrum der Milchstraße! Da diese aber erst gegen halb drei Uhr morgens den Meridian passierte, krochen wir erst einmal in die Schlafsäcke und harrten ein paar Stunden aus. Um zwei Uhr – es war eiskalt – krochen wir dann wieder heraus, um die Milchstraße auf Film zu bannen. Danach waren Schlafsäcke und Isomatten völlig ausgekühlt, sodaß wir, mit Taschenlampen bewaffnet, zum Auto zurückgingen. Diese Nacht hatte uns wenig Schlaf und viel Anstrengung beschert. Aber es hat sich gelohnt. Unser "Arches-Abenteuer" werden wir so schnell nicht vergessen!

Nur ein einziges, von Schrotkugeln durchlöchertes Schild weist auf eine Landschaft hin, wie sie bizarrer kaum sein könnte. An einer Provinzstraße, irgendwo zwischen den Städtchen Farmington und Thoreau liegt die Bisti Wilderness Area. Wenn der kleine Schotterweg nach wenigen hundert Metern endet, könnte man meinen, in der Mondkulisse einer Jules-Verne-Verfilmung zu sein: eigenartige Gesteinsformationen in einer nahezu vegetationslosen Landschaft. "Badlands" nennen die Amerikaner derartige Gegenden. Wir hingegen fanden es überhaupt nicht "bad" und beschlossen, für eine Nacht auf dem Mond zu bleiben. Diesmal kam das 180mm-Zeiss-Objektiv zum Einsatz. Um das relativ hoch im Süden stehende Gebiet des Lagunennebels mit Landschaft in Verbindung bringen zu können, fotografierten wir die Gesteinsformationen aus einem tief gelegenen Bachbett heraus im entsprechenden Winkel nach oben. Wieder mußten wir bis spät in die Nacht auszuharren. Doch erneut wurden wir mit einem wunderbar klaren Himmel belohnt.

Auf unserem letztes Etappenziel vor Albuquerque wartete noch eine kleine Überraschung auf uns. In das Chaco Culture National Monument führen nur unbefestigte Pisten und die stundenlange Anfahrt war eine echte Belastungsprobe für unseren Camper. Um so erstaunter waren wir, als wir das kleine Observatorium am Visitor Center sahen. Mit einen 24-Zoll-Newton und einem 14-Zoll-Cassegrain "bestückt", ist eine kleine Gruppe von Amateur-Astronomen hier vor allem auf der Suche nach Supernovae. Zudem gibt es in klaren Nächten Führungen. Natürlich bietet das Monument auch eine andere Attraktion: es ist die größte Anlage indianischer Ruinen auf dem nordamerikanischen Kontinent! Beim abendlichen "Campfire Talk" erzählte der Ranger dann von den möglichen astronomischen Kenntnissen der amerikanischen Ureinwohner.

Zehn Filme mit Astro-Motiven hatten wir "verknipst"; und dieses Mal waren wir besonders gespannt auf das Entwicklungs-Ergebnis. Sternfotos mit Handnachführung hatten wir ja schon öfter gemacht – aber die Landschaftsaufnahmen? War das Spektrum für die Belichtungszeiten ausreichend? Wie würde sich das Restlicht darstellen? Noch nie war die Aufregung beim Abholen der Negative im Labor so groß, und: es hatte geklappt. Einige unterbelichtete, wenige überbelichtete und... viele gelungene Aufnahmen! Die schönsten Negative ließen wir auf Pro-Photo-CD mit einer Auflösung von 4000x4000 ppi scannen und kombinierten die entsprechenden Motive mittels digitaler Bildbearbeitung (bedingt durch das 6x6-Format ließ sich die bei Pro-Photo-CD maximal mögliche Auflösung von 4000x6000 ppi nicht ausschöpfen).

Die Ergebnisse sind hier abgebildet. Eine Menge Arbeit, aber auch eine Menge Spaß sind darin enthalten. Für uns sind es wunderbare Erinnerungen. Für die Leserschaft ist es hoffentlich eine gute Unterhaltung und für manchen vielleicht sogar eine Inspiration für den nächsten Urlaub – in Magic Southwest!

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