Keine Angst vor minus vierzig Grad!

Rainer Mannoff

VdS-Nachrichten 1/2002

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: niemand muß sich warm anziehen. Ganz im Gegenteil; im folgenden Artikel geht es um den Sommer. Was dieser mit minus vierzig Grad zu tun hat? Eigentlich nichts – wenn man dabei an Temperaturen denkt. Nein, es geht um Koordinaten; Himmelskoordinaten, um es genauer zu sagen. Warum diese Angst machen können? Nun, das... aber lesen Sie doch erst einmal weiter!

In fast jeder Ausgabe einer astronomischen Fachzeitschrift sind sie zu sehen: Aufnahmen des südlichen Himmels. Die Nebel um Eta Carinae, der Kugelsternhaufen Omega Centauri oder die Staubstrukturen im Schlangenträger – um nur einige Highlights zu nennen. Das wären doch einmal Objekte für uns nordländische Sterngucker und -Fotografen. Die Ernüchterung kommt dann aber fast immer bei der Bilderläuterung. Eine Farm in Namibia ...soso...naja, was soll‘s. Unser Sternhimmel ist ja auch nicht schlecht.

Zugegeben, ein Aufenthalt auf einer südlichen Farm, jede Nacht ein Sternenmeer, das ist auch für mich ein Traum. Andererseits, müssen wir denn wirklich so weit "hinunter", um diese Himmelsattraktionen bestaunen zu können? Eine große Anzahl von südlichen Objekten können wir auch von der Nordhalbkugel aus sehen – und fotografieren. Oftmals trauen wir uns nur nicht, etwas tiefer am Horizont den Auslöser zu betätigen.

Ich selbst wohne in Karlsruhe, also auf dem 49sten Breitengrad. Der Himmelsäquator steht im Meridian bereits 41 Grad über dem Horizont. Theoretisch könnte ich also Objekte "ergattern", die eine Deklination von minus 41 Grad haben. Theoretisch... praktisch sind dem natürlich viele Grenzen gesetzt: die zum Horizont hin schlechter werdende Durchsicht, Aufhellungen durch künstliches Licht und nicht zuletzt die Tatsache, daß tief im Süden stehende Objekte nur für kurze Zeit sichtbar sind, bevor sie wieder unter den Horizont verschwinden. Der Stern Antares im Skorpion hat eine Deklination von minus 26 Grad; obwohl er in Karlsruhe bis zu 15 Grad über dem Horizont steht, erkenne ich zugegebenermaßen nur einen schwachen Lichtpunkt über den Häusern der Nachbarschaft. An eine Aufnahme von hier aus ist gar nicht zu denken. Aber kennen wir denn nicht alle einen Ort mit Sicht bis zum Horizont, möglicherweise auch noch mit geringer Lichtverschmutzung? In einem nahen Mittelgebirge, in den Alpen oder ...vom Urlaub in südlichen Europa her?

Meine Familie und ich waren im letzten Sommer in Spanien. Natürlich hatte ich die Astroausrüstung im Gepäck. Unser Urlaubsort lag am 39. Breitengrad und eine Berglandschaft, die Sierra de los Filabres mit dem Calar Alto, war nur wenige Autostunden entfernt. Als "die Sterne günstig schienen" und ich auf dem Weg zum Calar Alto war, mußte ich an meinen Streit mit Werner Celnik denken. Hatte er doch wirklich behauptet, daß man von seiner geliebten Sierra Nevada aus "einen sehr schönen Blick hinunter in die Inversionssuppe des Calar Alto hätte". Das hatte ich so nie gelten lassen können. Warum hätte man denn unter diesen Umständen ein Observatorium auf den Calar gebaut? In der Abenddämmerung kam ich am Calar Alto an ... in der Inversionssuppe. Sorry Werner; Du hast ein Bier gut.

Der Lichtkegel der direkt südlich gelegenen Stadt Almeria entwickelte sich mit zunehmender Dunkelheit immer prächtiger. Wirklich schlechte Bedingungen, und gerade tief im Süden stehenden Objekte hatte ich mir vorgenommen. Trotz allem begann ich mit der "Jagd"; schließlich habe ich ja keine Angst vor Minusgraden.

Mein erstes und nördlichstes Fotoziel waren der Trifid- und der Lagunennebel auf minus 23 beziehungsweise 24 Grad Deklination. Sie kulminierten erst gegen 2 Uhr, so daß ich sie zwar tief stehend, aber noch vor der "Almeriaglocke" ablichten konnte. Für mein nächstes Ziel, NGC 6357, ging es dann 10 Grad abwärts. Die schöne Wasserstoffregion konnte ich ebenfalls noch knapp vor seiner Kulmination ablichten. Dies gelang mir jedoch nicht bei NGC6334, dem bekannten Katzenpfotennebel, der sich bei fast minus 36 Grad befindet. Er stand direkt im Süden. Ob diese Fotos wohl etwas werden? Wenigstens gelang es mir dann wieder, meine südlichsten Fotoziele, die Wasserstoffregion IC4628 und den offenen Sternhaufen NGC6231, knapp hinter ihrer "Almeria-Kulmination" zu erwischen. Sie stehen immerhin bei minus 40 bzw. 42 Grad.

Völlig verunsichert hinsichtlich der Ergebnisse fuhr ich am nächsten Morgen zurück zum Urlaubsort. Noch am selben Tag entwickelte ich die Aufnahmen und siehe da: trotz der wirklich schlechten Verhältnisse und der bis unter minus 40 Grad tief stehenden Objekte konnte ich mich über recht gelungene Aufnahmen freuen!

Ich habe mir bereits weitere südliche Objekte ausgesucht, die ich von Europa aus fotografieren möchte. Ich hoffe, daß ich viele "Nordländer" ermuntern konnte, meinem Beispiel zu folgen. Alles kann man natürlich nicht ergattern. Die Magellanischen Wolken bleiben auch im südlichsten Spanien noch fast 30 Grad unter dem Horizont. Die möglicherweise geplante Reise nach Namibia oder Australien muß also nicht ausfallen!