EQUINOX - ein fotografischer Countdown

Rainer Mannoff

Magazin Star Observer   4/99

 

0.00 Uhr - der 23. September 1998 beginnt. Über mir ein Meer von Sternen. Ich habe gehofft, daß es noch so werden würde, denn die Anreise durch die Nebelsuppe des Rheintals war nicht gerade vielversprechend. Mit jedem Höhenmeter wurde die Sicht aber schließlich besser und letztendlich präsentierten sich die Tiroler Berge in strahlendem Sonnenschein - gute Aussichten für die geplante Wandertour. Die anderen sind längst ins Bett. Nur ich stehe hier draußen, 2000 Meter über dem Meeresspiegel und bestaune den Himmel. In wenigen Stunden wird er vorbei sein, der Sommer 1998. Um 7.37 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit wird die Sonne auf ihrem scheinbaren Weg nach Süden den Himmelsäquator überschreiten. Dieser Moment der Tagundnachtgleiche, als Äquinoktium oder Equinox bezeichnet, bedeutet den Beginn des Herbstes.

Ich möchte die nächsten Stunden nutzen, um die Highlights des Herbsthimmels ins Visier zu nehmen. Zwei "Deep-Sky-Kanonen" stehen mir hierfür zur Verfügung: ein Achtzoll-Schmidt-Newton und ein Zehnzoll-Newton. Zu Beginn habe ich den Achtzöller jedoch auf den Nordamerikanebel ausgerichtet, meinem Sommerfavoriten. Dieses Jahr hatte ich nur wenig Gelegenheit, ihn zu genießen; ein Grund mehr für die Wahl des Motivs. Das erste Foto der Nacht wird mein Abschiedsfoto vom Sommerhimmel.

0.30 Uhr - noch sieben Stunden. Der Meridian-Durchgang des Schwan liegt bereits zwei Stunden zurück; bedingt durch seine Polnähe steht das Sternbild jedoch noch immer hoch am Westhimmel. Ich betätige den Auslöser und die Photonen von Nordamerika- und Pelikannebel treffen auf die Filmschicht. Beim Motiv handelt es sich um einen weitflächigen Emissionsnebel in etwa 1500 Lichtjahren Entfernung. Die Strahlung heißer Umgebungssterne regt Wasserstoffgas zum Leuchten an. Zudem ist das Gebiet von dunklen Staubmassen durchzogen. Die Kombination von leuchtendem Gas und absorbierendem Staub gibt dem Gebiet sein markantes Aussehen mit der Form des nordamerikanischen Kontinents und der Silhouette eines Pelikans.

Für ein derartiges Objekt empfiehlt sich ein Film mit hoher Rotempfindlichkeit. Für mich ist der Kodak Multispeed PJM hier erste Wahl. Am f/4-Schmidt-Newton ist er in knapp 14 Minuten ausbelichtet. Sicherheitshalber mache ich ein weiteres Bild; danach schwenke ich die Montierung nach Osten. Wenn ich den Schwan das nächste Mal am Himmel aufsuche, wird es Frühling sein.

1.00 Uhr - ich tausche den Schmidt-Newton gegen den reinen f/3,5-Newton aus. Der Zehnzöller von Parks Optical, ein Schnäppchen mit kleinem Kratzer auf dem Hauptspiegel, ist eigentlich zu schwer für meine DX-Montierung. Obwohl Rohrschellen und Sucher bereits entfernt sind, bleiben noch immer 16 Kilogramm Instrumentengewicht - Windruhe ist unbedingt erforderlich.

1.30 Uhr - noch sechs Stunden. Im Südosten dominieren jetzt die Sternbilder Andromeda und Perseus. Ich mache mich auf die Suche nach zwei Leckerbissen des Herbsthimmels: den Galaxien M31 und M33, neben unserer Milchstraße die größten Mitglieder der lokalen Gruppe von über 30 Galaxien. Es ist nur eine kurze Suche, denn M31, die große Andromeda-Galaxie, ist keine 10 Grad über dem Stern b Andromedae gut mit bloßem Auge zu erkennen. Im Teleskop ist sie immer wieder eine Augenweide. Heute erkenne ich auf Anhieb die Staubbänder in der galaktischen Scheibe - gute Aussichten für die Aufnahme. M33, die Triangulum-Galaxie, läßt sich im Feldstecher oder Teleskop ebenfalls recht einfach auffinden, indem man M31 an der Verbindungslinie der Sterne a,b und g Andromedae spiegelt. Bei M33 ist das Erkennen von Strukturen wesentlich schwieriger. Zwar ist die Galaxie mit etwa 3 Millionen Lichtjahren kaum weiter von uns entfernt als M31, Durchmesser und Masse (60000 Lichtjahre, 20 Milliarden Sonnenmassen) sind jedoch wesentlich geringer (M31: 200000 Lichtjahre, 200 bis 300 Milliarden Sonnenmassen).

2.00 Uhr - M31 ist durch den Meridian. Mittlerweile habe ich auch den Film gewechselt. Für Galaxien bevorzuge ich den Fuji Superia 800. Er hat wie auch der 400er von Fuji eine sehr gute Blauwiedergabe und ist somit ideal für Galaxien und Reflexionsnebel. Zudem ist er von seiner Körnung her nur unwesentlich schlechter als ein 400-ASA-Film. Bei einem Öffnungsverhältnis von f/3,5 ist der Film bereits nach etwa 12 bis 13 Minuten ausbelichtet. Diesmal mache ich gleich drei Aufnahmen hintereinander, denn hin und wieder kommt eine leichte Brise auf und somit steigt die Gefahr, Aufnahmen zu verwackeln.

3.00 Uhr - das Nachführen am Fadenkreuz-Okular fordert seinen Tribut, denn langsam werden die Augen müde. Der Südosthimmel wird mittlerweile vom Sternbild Stier dominiert. Der orangeleuchtende Aldebaran hebt sich deutlich vom offenen Sternhaufen der Hyaden ab. Ein paar Grad entfernt stehen die Plejaden. Das Siebengestirn, wie sie auch genannt werden, ist etwa 400 Lichtjahre entfernt und besteht aus mehreren Hundert jungen Sternen; die Hellsten sind von blauen Reflexionsnebeln umgeben. Im Gegensatz zum Nordamerikanebel wird hier kein Wasserstoff zum Leuchten angeregt, sondern das Licht der hellen Sterne von Staubmassen reflektiert. Kurzwelliges Licht wird dabei stärker gestreut als langwelliges, was Reflexionsnebeln ihre bläuliche Farbe gibt (es gibt auch Kombinationen beider Arten wie den Trifid- und den großen Orionnebel).

3.30 Uhr - noch vier Stunden bis zur Tagundnachtgleiche. Noch etwa eine Stunde bis zum Meridiandurchgang der Plejaden, ihrer höchsten Position am Südhimmel. In Anbetracht der weiteren Pläne für diesen Tag (die Wandertour soll um 9 Uhr beginnen) mache ich bereits jetzt zwei Aufnahmen, wiederum auf dem bewährten Fuji Superia 800.

4.00 Uhr - Abbau. Ich bin müde aber glücklich. Ich stelle mir die anderen beim Frühstück im Hotel vor, höre sie bereits lästern: wie ich denn nur so verrückt sein könne, die ganze Nacht draußen zu verbringen; wie ich mir meine morgendlichen Augenringe selbst zuzuschreiben hätte und so weiter und so weiter. Ich grinse vor mich hin. Sie verstehen einfach nicht. Sie werden auch keine Erklärung für meine gute Laune finden, obwohl ich mir doch "mit diesem Zeug" die ganze Nacht um die Ohren geschlagen habe.

4.30 Uhr - noch drei Stunden. Alles ist im Wagen verstaut, ich fahre die kurze Strecke zum Berghotel rüber. Noch ein Blick hinüber nach Südosten, wo bereits Orion am Himmel steht. In einer Stunde wird die Dämmerung beginnen.

7.37 Uhr - Equinox. Der Herbst hat begonnen. Ich schlafe tief und fest. Mit Sicherheit träume ich von Galaxien und Sternhaufen. In 20 Minuten wird der Wecker klingeln.