One Night Stand am Calar Alto

Rainer Mannoff

Magazin Star Observer   1-2/01

 

Spanien im Sommer: Sonne, Meer, Strand, und...? Für mich als Astronomen war ein Spanienurlaub ohne Besuch des Calar Alto einfach nicht denkbar, zumal der "Berg der Berge" nur 350 Kilometer von unserem Ferienziel entfernt war. Andererseits wäre es illusorisch gewesen, dem Urlaubsgepäck die kompletten Sechzig Kilogramm Ausrüstung der 5,6/1000-Spiegeloptik von Zeiss zuzumuten. Für das "kleine Schwarze", ein 5,6/500-Pentacon-Objektiv hingegen, würde der Platz im Auto schon reichen. Langwierige Partner-Diskussionen hinsichtlich der Frage, warum man denn mit "diesem Kram" das Gepäck verdoppeln wolle, gibt es bei uns in solchen Fällen nicht, denn auch meine Frau interessiert sich für die Astronomie. So fanden wir hier und dort noch ein wenig Platz im Auto; es konnte losgehen!

Der Calar Alto im südlichen Spanien ist mit 2168 Metern der höchste Gipfel der Sierra de los Filabres, einer der trockensten Landschaften Europas. Obwohl die Sierra Nevada mit Gipfeln über 3000 Metern nahezu gleiche geographische Bedingungen aufweist, entschied man sich, das Deutsch-Spanische Observatorium auf dem Calar Alto zu errichten. Die Bedingungen für optische Astronomie suchen in Europa ihresgleichen.

Unser Urlaub fiel in die Vollmondzeit. Somit blieben für einen Ausflug zum Calar Alto unter Deep-Sky-Bedingungen nur ein paar Nächte am Ende der Reise. Jeden Tag verfolgte ich den Wetterbericht und als es endlich soweit war, hieß es: optimale Bedingungen. Es konnte losgehen. Um vier Uhr nachmittags machte ich mich auf den Weg – allein; meine Frau blieb bei unserem kleinen Sohn, für den der Ausflug noch zu anstrengend gewesen wäre. Ich versprach, am nächsten Morgen Frühstücksbrötchen mitzubringen. Nach knapp drei Stunden erreichte ich die Sierra de los Filabres. Es war wolkenlos. Meter um Meter schraubte sich die Paßstraße den Berg hinauf und irgendwann sah ich sie dann, die majestätischen Kuppeln des Observatoriums.

Die Anlage liegt verstreut über den gesamten, sehr ebenen Gipfelbereich. Ein Wohngebäude, ein Institut, eine Versorgungsstation und... die Teleskope! Dominiert wird das Observatorium vom riesigen Dom des 3,5-Meter-Teleskops. Kleine Straßen führen zu den Gebäuden der 2,2- und 1,2-Meter-Spiegel sowie zur 0,8-Meter-Schmidtkamera und zum 1,5-Meter-Teleskop. Letzteres gehört zur Sternwarte Madrid.

Die Aussicht war unbeschreiblich. Der markante Gipfel des Pico Veleta in der Sierra Nevada, etwa Siebzig Kilometer entfernt, schien zum Greifen nahe. Kurz vor Sonnenuntergang erstrahlten die Gebäude in goldenem Licht. Es würde eine optimale Nacht werden. In einiger Entfernung zum 3,5- und 2,2-Meter-Teleskop errichtete ich mein Observatorium mit 0,09-Meter-ETX und 0,1-Meter-Pentacon-Objektiv. Im Gegensatz zu den mehrere Tonnen schweren Montierungen der anderen Teleskope verwendete ich meine 0,01-Tonnen-GP-DX von Vixen. Die 0,008 Tonnen meines Reiseobservatoriums steckt sie locker weg.

Gegen 23 Uhr war es dunkel. Der Himmel war übersät von "schwarzen Flecken": die Dunkelwolken der Milchstraße hoben sich deutlich vom Himmelshintergrund ab. Es war an der Zeit, mit der Fotografie zu beginnen. Natürlich wollte ich die südliche Lage des Calar Alto nutzen und so machte ich mir das Zentralgebiet unserer Galaxie zum Thema dieser Nacht. Beginnend beim Skorpion über den Schlangenträger bis zum Schützen lichtete ich nacheinander die schönsten Gebiete ab. Im Gegensatz zum 3,5-Meter-Spiegel mit einer Brennweite von über zwölf Metern war der halbe Meter Brennweite des Pentacon-Objektivs ideal für die Aufnahme von Sternfeldern, auch wenn das andere Teleskop mit einem Öffnungsverhältnis von etwa F/3,5 und CCD-Detektoren wesentlich günstigere Belichtungszeiten zuläßt. Die geringe Vergrößerung und die Genauigkeit der Nachführung erlaubten es mir immer wieder, mit dem Feldstecher in den Himmel einzutauchen: Sternhaufen M4, Lagunennebel, Omega- und Adlernebel... ein Traum!

Gegen drei Uhr morgens beschloß ich, mein Observatorium abzubauen und ein wenig zu schlafen. Im ersten Licht der Dämmerung war ich bereits auf dem Heimweg. Nach wenigen Metern hielt ich nochmals an und warf einen Blick zurück auf den Calar Alto. Als ich ein paar Stunden später mit meiner Familie beim Frühstück saß (schließlich war ich ja auch zum Brötchen holen weggefahren), beschloß ich, irgendwann zum Calar Alto zurückzukehren. Vielleicht reicht der Platz dann sogar für die große Ausrüstung!