Baja California - zu den Sternen Mexikos

Elke & Rainer Mannoff

Star Observer Magazin 10/98

 

Baja California - eine rund 1600 Kilometer lange Landzunge südlich von Tijuana an der US-amerikanischen Grenze; 1600 Kilometer Kakteen, Steine, Skorpione - aber auch traumhafte Strände. Entweder man liebt sie, "die Baja", oder man will dort niemals hin. WIR waren bereits von den wenigen Informationen fasziniert, die es über Baja California gibt, und somit war klar: das ist unser nächstes Reiseziel! Anja und Michael, wie wir Fans von trockenen und einsamen Gegenden, waren schnell überzeugt, uns zu begleiten. Natürlich gab es einen weiteren Grund: La Paz, unser Zielflughafen, liegt am 27. Breitengrad; auch für den Februarhimmel ist diese Lage ein Erlebnis. Die Wintermilchstraße kann hier bis hinunter in das Sternbild Vela (Schiffssegel) beobachtet werden.

Wieder einmal stellte sich die Frage: was nehmen wir für die Beobachtung mit? Unsere komplette Ausrüstung? Auf keinen Fall! Erstens hatten wir aufgrund der notwendigen Campingutensilien keinen Platz für den 7-Zoll-Maksutov, zweitens gab es für die Flugstrecke Los Angeles - La Paz eine Gepäckbeschränkung! 10 Kilo "Astro", das war unser Limit! So kam der kleine 4-Zoll-Mak zum Einsatz. Desweiteren unsere uralte Pentacon-Six-Kamera mit 2 Zeiss-Objektiven, ein kleines Holzstativ und die New-Polaris-Montierung (ohne Motor), die uns ein Freund auslieh. Herr Idler von der Sternwarte Welzheim half uns einmal mehr, indem er ein Polsucher- Fernrohr zur Verfügung stellte. Das Ergebnis: 10 Kilogramm - es konnte losgehen!

Als wir in La Paz landeten, war das Scheibenkratzen vom Vortag in Deutschland schnell vergessen: 25 Grad und strahlend blauer Himmel. Nachdem wir unsere Jeeps abgeholt und uns mit ausreichend Proviant versorgt hatten, ging es los. Ein Strand in der näheren Umgebung war unser erstes Ziel. Als die Dunkelheit hereinbrach, ahnten wir, was uns die nächsten 3 Wochen erwarten würde. Obwohl der noch zunehmende Mond den Himmel erhellte, war die Milchstraße zu sehen. Wie sollte das erst in den kommenden mondlosen Nächten werden?

Die folgenden Tage fuhren wir auf der Pazifikseite Richtung Norden, unser Ziel waren die Wale der Ignacio-Bucht. Das Teleskop bauten wir in dieser Zeit nur einmal auf - zur Beobachtung von Mond und Saturn. Nach einer atemberaubenden Whale-Watching-Tour (nie zuvor hatten wir so viele Wale gesehen) steuerten wir unser erstes Deep-Sky-Ziel an: San Francisco de la Sierra. In rund 1000 Meter Höhe sollte die erste mondlose Beobachtungs- und Fotonacht verbracht werden. Der Weg hoch in die Sierra war schlecht ausgebaut und wir wurden kräftig durchgeschüttelt. Wie sich nach dem Aufbau der Zelte herausstellte, wurde auch die Montierung in Mitleidenschaft gezogen; die Justierschrauben des Polsuchers hatten sich allesamt gelöst, eine Neujustierung war notwendig. Es war jedoch schon fast dunkel, was ein Justieren unmöglich machte. Die Montierung nach der aufwendigen Schreiner-Methode ausrichten? Dafür waren wir bereits zu müde - also keine Fotos, nur Schauen. Aber was heißt NUR Schauen: das 4"-Maksutov ähnelt zwar eher einem Teleobjektiv als einem Teleskop, aber es leistet doch erstaunliches. So war der Abend gerettet, auch wenn noch immer kein einziges Bild in der Pentacon-Six belichtet war. Wir hatten ja noch 2 Wochen Zeit und schlechtes Wetter ist in der südlichen Baja ein äußerst seltenes Schauspiel...dachten wir.

Um 3 Uhr nachts gab uns das schlechte Wetter dann eine sprichwörtlich umwerfende Vorstellung. Der Wind wurde mit jeder Minute stärker und drohte, die Zelte samt Inhalt (also uns) wegzureißen. Sozusagen in Windeseile packten wir alles zusammen. Als wir bei einsetzendem Regen losfuhren, kamen die Erinnerungen an Australien vom letzten Jahr wieder auf. Anstatt der versprochenen Dauersonne versuchten wir dort tagelang vergeblich, dem Regen zu entkommen. Sollte es diesmal etwa auch so sein?

Um es vorweg zu nehmen: unsere Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Es sollte unser erster und letzter Regentag sein. Nach einem kurzen Abstecher zu den Walen der Ojo-de-Liebre-Bucht (erneut ein grandioses Erlebnis) "wechselten" wir innerhalb von 2 Stunden das Meer, es ging hinüber zur Cortez-See. Die Küste ist wesentlich abwechslungsreicher als die Flachlandschaft am Pazifik. Schroffe Felsen, steile Klippen, und dazwischen immer wieder traumhafte Strände mit smaragdgrünem ruhigen Wasser. Dazu tagsüber strahlend blauer und nachts... sternklarer Himmel!

Die Nachtlager der kommenden Tage waren zwar fast immer direkt am Strand, das schadete der Astrofotografie jedoch überhaupt nicht. Es gab keinerlei Streulicht, die Luft war klar und meistens war es windstill. SO einen Winterhimmel hatten wir wirklich noch nicht gesehen. Während Orion in Deutschland, markant und leicht erkennbar, tief im Süden steht, so "versank" er hier in einem Meer von Sternen. Neben Orion leuchtende die Wintermilchstraße; das weiße Band zog sich von der Cassiopeia im Norden bis zum Südhorizont. Canopus, der zweithellste Stern am Himmel, stand einige Grad über dem Horizont. Canopus ist für den Beobachter in Europa, abgesehen vom südlichsten Spanien oder Sizilien, unsichtbar.

Die Ausrichtung der New-Polaris-Montierung mit (justiertem) Polsucher ist wirklich ein Kinderspiel. Eine Beleuchtung ist nicht notwendig, es genügt eine kleine Taschenlampe, die so in den Strahlengang des Suchers gehalten wird, daß sowohl der Polarstern als auch die Hilfsmarkierungen zu erkennen sind. Die Pentacon-Six-Kamera (6x6) befestigten wir mit einer stabilen Fotoklemme an der Gegengewichtsstange. Die Kamera und das 180mm-Zeiss-Sonnar ersetzten das fehlende Gegengewicht (10 Kilo Astro...) mehr als genug. Ein erheblicher Nachteil der NP-Montierung besteht jedoch darin, daß die Gegengewichtsstange fest verschraubt ist und dadurch nicht den Deklinationsbewegungen des (nachführenden) Teleskops folgt. Eine Nachführkorrektur in Deklination war also nicht möglich. Die Ausrichtung der Montierung mußte daher wirklich sehr genau sein, um Strichspuren auf den Aufnahmen zu vermeiden.

Am 10. Tag unser Reise konnten wir nun zum ersten Mal den Auslöser betätigen. Als Film setzten wir den Kodak Pro Gold 1000 ein, mit dem wir bereits sehr gute Erfahrungen gemacht haben (vgl. auch STAR OBSERVER 4/98). Zudem ist bei einer Hand- nachgeführten Aufnahme der Einsatz "schneller" Filme einfach notwendig, um bei einer empfohlenen Blende von 4 oder 5,6 einigermaßen kurze Belichtungszeiten zu erzielen. Der erste 'Schuß' galt dem California-Nebel im Sternbild Perseus. Wie bei allen folgenden Aufnahmen gingen wir bei der Belichtungszeit nach unserer "Hausformel" vor: Blende im Quadrat mal 500, geteilt durch ASA, dazu 25 Prozent Schwarzschildfaktor (einem Mathematiker dreht es jetzt sicher den Magen um - aber es funktioniert). Für Blende 4 am 180mm-Sonnar ergibt sich dadurch eine Belichtungszeit von 10 Minuten. Mit dem beleuchten 12mm-Fadenkreuz-Okular am Maksutov wird eine 83-fache Vergrößerung erzielt. Bei sorgfältiger Nachführung reicht dies aus, um mit 3,6-facher Vergrößerung zu fotografieren.

Bei Hand-Nachführung ist es von Vorteil, vor Beginn der Aufnahme die korrekte Nachführung über die Feinbewegung der Montierung zu üben. Man kommt zwar nie an die Präzision eines Motors heran, es ist aber erstaunlich, wie exakt das "Drehen an der Kurbel"' nach wenigen Minuten Übung wird. Niemand kann 10 Minuten lang konzentriert in ein MA-Okular schauen; ist die Nachführ-Bewegung aber "drin", kann man auch mal ein paar Sekunden wegschauen und nach Gefühl weiterdrehen, ohne daß sich der Leitstern sich aus dem Staub macht. 2 bis 3 Aufnahmen haben wir jeweils auf diese Weise gemacht. Danach schmerzten Arm und Augen. Aber schließlich wollten wir ja nicht NUR Fotografieren auf der Baja. Es ist wunderschön, abends beim Lagerfeuer am Strand zu sitzen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß die Mexikaner köstliche Biere brauen...

Am vorletzten Tag unserer Reise war Neumond. Wieder bauten wir abends das Teleskop auf; diesmal beließen wir es jedoch bei Aufbau und Ausrichtung. Denn auch die Sommermilchstraße ist hier ein Erlebnis, nicht abends, aber in den frühen Morgenstunden. Um 4 Uhr klingelte der Wecker. Ein Blick hinaus und ... Schütze und Skorpion standen am Südosthimmel. Zwischen 4 und 5 Uhr belichteten wir so die letzten Astro-Bilder unseres Urlaubs.

Bahia de los Angeles, Bahia Conception, Agua Verde: die Küste der Cortez-See werden wir so schnell nicht vergessen. Wir werden aber nicht nur Strände und Meer in Erinnerung behalten - auch den phantastischen Sternhimmel. Für uns ist er ein Grund mehr, bald wieder dorthin zurückzukehren. VIVA LA BAJA !